Polyamorie – geht die Gleichung auf?

Was macht den Reiz aus? Was sind die Gründe, die dagegen sprechen? Nun folgt meine persönliche Sicht.

Polyamorie setzt voraus, dass es etwas mit Liebe zu tun hat. Das öffnet ein weites Feld, indem sich viele Unterkonzepte zur Lebens- und Liebesführung tummeln: offene Beziehungen, Swingen etc.
Vorweg gesagt: mir geht’s nicht um die Moral, mir sind Konventionen schnurzpiepegal – was für mich zählt ist, dass es allen Beteiligten gut geht und in einer polyamoren Liebesbeziehung sind nun mal mehr Menschen involviert, was die Sache an sich schwieriger gestalten kann.

Natürlich kling es erstmal verlockend, dass ich den Kreis der Menschen, die ich liebe und die mich lieben, vergrößern kann. Wenn Mann Nr. 1 keine Zeit hat oder gerade doof ist, könnte ich zu Mann Nr. 2 gehen und mir dort meine Liebe und Zuneigung holen. Ist es so einfach? Ist es fair? Ist es egoistisch? Geht es immer nur darum, seine Bedürfnisse befriedigt zu bekommen?

Ein Grundpfeiler der Polyamorie ist offene Kommunikation und Ehrlichkeit. Wenn ich also Mann Nr. 1 sage „Och, heute gehe ich zu xy“ – ist es dann in Ordnung? Kann ich Intimität mit mehr Menschen als nur mit meinem „the one“ teilen? Wird Intimität dann weniger? Verfüge ich vielleicht nur über ein gewisses Kontingent an dem, was ich zu geben habe?

Ich stelle es mir umgekehrt mehr als nur schwierig vor: alleine die Vorstellung, dass der von mir geliebte und begehrte Mann den Abend, die Nacht oder das Wochenende mit einer anderen Frau verbringt, löst in mir Unbehagen aus. Ich würde wohl zu Hause sitzen und die gesamte Zeit seiner Abwesenheit denken „Berührt sie ihn jetzt gerade? Küsst sie ihn? Kocht sie ihm seinen Kaffee genauso wie er es mag?“
Vermutlich reden die beiden auch über Dinge, die ihnen wichtig sind. Damit entwickeln sie unweigerlich ihre eigene Intimität, die ich mit ihm an dieser Stelle nicht haben kann. Also kommt die Eifersucht ins Spiel. Dann beginnt der Teufelskreis mit bohrenden Gedanken. „Was ist, wenn er die andere Person  plötzlich viel interessanter, intensiver und spannender findet – verliere ich ihn dann ganz?“

Ich denke, es hat tatsächlich was mit Selbstwertgefühl zu tun, ich denke ich teile deswegen meine Männer nicht so gerne. Ich lasse meine Männer ungern mit anderen Frauen schlafen. Das Wort teilen gefällt mir in diesem Kontext nämlich gar nicht.

Ein wichtiger Aspekt der Polyamorie sind nun mal die liebevollen Gefühlsbindungen der Menschen, die untereinander in Beziehung stehen. Es ist ein Sorgen, um das gegenseitige Wohlergehen. Wie das in der Praxis aussieht, kann ich mir beileibe nicht vorstellen. Es bleibt immer alleine zurück.

Ich respektiere Polyamorie als eine Art zu Leben, persönlich kann ich es jedoch nicht nachvollziehen. Ich kenne über Umwege polyamor lebende Personen und zumindest einer beansprucht für sich vehement, mega hohe moralische Grundsätze zu haben, gerade weil sie polyamor leben. Das bedeutet, dass sie mit ihrer Sexualität und ihren Bedürfnissen allgemein offen und ehrlich umgehen und nicht in einer monogamen Beziehung leben, weil sie es müssen (und dann „Fremdgehen“).

Wenn du also einen Menschen triffst, der von sich sagt, er lebt in einer offenen Beziehung ,bedeutet das nicht, dass der sofort mit dir in die Kiste steigt, weil „eh wurscht“. Im Gegenteil, es könnte ein recht kompliziertes Unterfangen werden bis es zum Beischlaf kommt, weil natürlich alle Partei davon wissen müssen. „Schatz, wir machen da so ein Vierertreffen mit Pärchen xy, weil ich will mit ihm schlafen und wir müssen uns von allen Stakeholdern das Okay abholen. Dienstag 19h passt?“ Würg.

Da habe ich einen Buchtipp für euch: „Schlampen mit Moral – eine praktische Anleitung für Polyamorie, offene Beziehungen und andere Abenteuer“ und dieses Buch soll total wegweisend sein in der Thematik. Es beschreibt, wie man erfolgreich und moralisch einwandfrei leben kann. 

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Ich habe auch schöne Beispiele für euch aus Film und Fernsehen: Da gab es kürzlich erst einen Kinofilm, „Professor Marston & The Wonder Women“, der erzählt die Geschichte über die Entstehung des legendären Comics Wonder Woman, nach einer wahren Begebenheit. Es beginnt  in den 1940er Jahren in Amerika, der Schöpfer des Comics hatte einen Brotberuf an der Universität. Gemeinsam mit seiner Frau unterrichtete und forschte er im Feld der Psychologie, sie erfanden unter anderem das System des Lügendetektors. In ihrer Forschung lernten sie eine Studentin kennen, in die sich zunächst der Mann verliebte. Die junge Studentin aber verliebte sich in die Ehefrau. Der Film zeigt wirklich packend und sehr nachvollziehbar die Beziehung dieser drei Menschen, die zu etwas sehr Schönem wird. Natürlich sprachen die gesellschaftlichen Konventionen total gegen die Liebenden. Der Professor liebt beide Frauen und schafft ihnen mit der Figur der Wonder Woman ein Denkmal, weil sie alle Eigenschaften der zwei liebsten Frauen in seinem Leben vereinen.

Wer kennt die Serie „Big Love“? Die Serie ist schon ein bisschen älter, hat fünf Staffeln und ich kenne jede einzelne Folge davon.  Im Zentrum steht eine polygame Familie, da es aber etwas mit Religion zu tun hat, ist hier das richtige Wort polygamistisch, um die Familie zu beschreiben (Mormonen). Es spielt in der Gegend von Salt Lake City und man lernt Bill kennen, ein Mann im mittleren Alter, er lebt in einem typisch amerikanischen Reihenhaus. Mit der Zeit kommt man drauf, dass das die Häuser links und rechts davon auch zu seiner Familie gehören, denn er hat insgesamt drei Frauen geheiratet und lebt mit diesem drei Frauen und den insgesamt sieben Kinder zusammen. Das Spannende ist, dass diese Grundstücke durch den Garten hinter den Häusern miteinander verbunden sind, aber von außen ist es nicht sichtbar, die Fassade bleibt also aufrecht. Die für mich witzigste Szene in dieser Serie ist das Meeting der Frauen, das anscheinend jede Woche stattfindet, moderiert von der Hauptfrau. Das ist wie so ein Boardmeeting im Management, wo mit Agenda durchgesprochen wird, welche Einkäufe sind zu tätigen, was ist mit den Kindern zu tun: Kinderarzt, Schultheater, Prüfungen etc. aber auch die Einteilung, wann der Mann Bill bei welcher Frau schläft und in welchem Haus Teil der Familie ist, er ist ja auch Papa jedes Kindes. Dann gibt’s dazu Dialoge wie „Na, die Woche habe ich meine Tage, ihr könnt ihn haben“ oder „Wir versuchen ja gerade ein Baby zu kriegen, ich glaube da habe ich meinen Eisprung und das wär super, wenn ich die drei Tage hintereinander haben könnte“. Natürlich sitzt man da als Zuschauer und schmunzelt, aber tatsächlich vorstellen kann ich mir auch das nicht. Da sind diese sieben Kinder (vom Baby bis zum Teenie), die drei Frauen – so viele Bedürfnisse. Und ein Mann. Wer ist hier der Nutznießer? Wer profitiert von Polyamorie wirklich und wer steckt erst wieder zurück? Dann hat das auch nichts mehr mit Liebe zu tun und dann ist es per definitionem keine Polyamorie, sondern dann ist es einfach nur Polygamie, Affäre pflegen, Fremdgehen, Swingen etc.

Als persönliches Fazit und ein bisschen mit Augenzwinkern von mir: Ich finde es schwierig genug, EINE Beziehung mit einer Person zu führen, in der meine und seine Bedürfnisse erfüllt werden, in der es um Wachstum geht und natürlich Liebe. Deshalb wäre für mich Polyamorie eher eine Stresssituation, ich wüsste nicht, wo ich anfangen soll. Ich hätte das Gefühl, nicht allen alles geben zu können und das würde mich unglücklich machen. 

Und jetzt – Trommelwirbel – switcht die Tage bitte rüber in den Kanal von Tartharule – er hat mich nämlich gechallenged, über Polyamorie zu schreiben und jetzt bin ich tatsächlich auf seine Antwort gespannt!

Ein Kommentar zu „Polyamorie – geht die Gleichung auf?

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