La petite mort

Die Sexualforschung an sich ist ein vergleichsweise junges Forschungsfeld, beginnend mit Alfred Kinsey (Sexual Behavior in the Human Male, 1948 und Sexual Behavior in the Human Female, 1953). Es ist bezeichnend, dass der erste Blick auf den Mann fällt, die Sexualität der Frau war noch weit darüber hinaus ein unbekanntes Feld, ein unentdecktes Land. Das änderte sich mit Masters und Johnson.

William Masters und Virginia Johnson begannen ihre umfassenden Studien über die menschliche Sexualität 1957. Sie interessierten sich für die Struktur, Psychologie und Physiologie des Sexualverhaltens und führten Beobachtungen und Messungen an Menschen durch, die im Labor masturbierten oder Geschlechtsverkehr hatten. Gerade weil das Forscherpaar gemischtgeschlechtlich war, wurden Männer und Frauen gleichermaßen und mit gleicher Aufmerksamkeit untersucht, wissenschaftlich gewürdigt. Der weibliche Orgasmus war erstmalig nicht weniger wichtig oder weniger wert als der Männliche. Das ist ganz großartig dargestellt in der TV-Serie „Masters of Sex“, wer sich sexualwissenschaftlich bilden möchte, kann dies auf höchst unterhaltsame und qualitative Weise tun.

Hätte es diese Wissenschafter nicht gegeben, würden uns heute noch Grundlagen fehlen. Wissen ist Macht, gerade in der Sexualität. Je mehr ich weiß, in Erfahrung bringe, lerne, desto mehr profitiere ich davon. Und auch meine Sexualpartner. Es lohnt sich also, sich mit dem (weiblichen) Orgasmus auseinanderzusetzen.

Spannend dazu finde ich eine 2018 publizierte Studie: für diese wurden 52.588 hetero-, homo- und bisexuelle Männer und Frauen befragt, demnach hatten:

  • 95 % der heterosexuellen Männer beim Sex einen Orgasmus,
  • 89 % der homosexuellen Männer,
  • 88 % der bisexuellen Männer,
  • 85 % der lesbischen Frauen,
  • 66 % der bisexuellen Frauen,
  • 65 % der heterosexuellen Frauen.

Daraus ist ersichtlich, dass es im Bett zumindest einen Sieger gibt: den heterosexuellen Mann 😊

Das heißt natürlich nicht, dass der Sex für ein heterosexuelles Paar weniger erfüllend sein muss, nur weil es für Frauen schwieriger ist, beim Sex zu kommen. Was heißt überhaupt schwieriger? Basic sensations (reiner Vaginalverkehr für knappe 8 Minuten) reichen eben nicht immer aus. Anatomisch betrachtet liegen die Nerven und Erregungszentren der Frau mehrheitlich innen. Das ist einfach so und wenn man das weiß, kann man hervorragend damit arbeiten.

Über die Jahre habe ich auch unterschiedliche Arten von Orgasmen kennengelernt. Klitoral ist der einfachste, sicherste Weg zu kommen. Aber bei weitem nicht der Spektakulärste. Wer schon mal einen G-Punkt-Orgasmus hatte, weiß, dass er sich ganz anders anfühlt als ein klitoraler Orgasmus. Dann gibt es Orgasmen, die sich langsam aufbauen und eine Kombination aus klitoral und vaginal sind, denn tatsächlich reagieren im Inneren unterschiedliche Regionen, schwellen an, pulsieren, die Muskeln arbeiten, die Nerven sprechen an und dann fällt ein Dominostein nach dem nächsten. Daher ist für mich das Vorspiel inzwischen echt wichtig geworden, das war bis vor ein paar Jahren noch nicht so. Ich habe keine Probleme, einen Orgasmus zu erleben, ihn zu erreichen, mir geht es mittlerweile aber schon auch um die Qualität des Höhepunkts (oder der Höhepunkte) und das Erleben am Weg dahin.

Was echt abtörnend ist und ganz bestimmt dem Liebesleben (auch als Paar) schadet: eine Wertung vorzunehmen. Der alte Schlawiner Freud meinte, ein vaginaler Orgasmus sei die erwachsene Version des Orgasmus und eine Frau, die nur klitoral kommt, wäre in der kindlichen Sexualität stecken geblieben. Daraus ließen sich hervorragend Störungen wie zum Beispiel weibliche Frigidität attestieren.

Geht es uns wirklich darum? Zu sagen, welche Art zu kommen gut oder schlecht ist? Mit dieser Sicht verbaut man sich und auch seinen Partnern viele schöne Erlebnisse.

Menschen, die sagen „Frauen kommen halt einfach nicht immer und wenn doch, dann nicht so einfach“, denen antworte ich gerne „Weil du dich dafür nicht interessierst!“. Frauen sind, im Gegensatz zu Männern, physiologisch in der Lage, multiple Orgasmen zu haben und auch über Squirting habe ich schon geschrieben. Wenn du als Mann deine Partnerin richtig gut kennst, bringst du sie jedes Mal zum Orgasmus (und damit baue ich keinen Druck auf, es ist wirklich so).

Es erfordert aber auch eine gesunde Portion Selbstliebe und Selbstbewusstsein, als Frau im Liebesspiel eine Form von Befriedigung einzufordern, wie auch immer die aussieht. Über allem steht mein Wunsch: Jede Frau soll sich und ihren Körper kennen und lieben, Tricks und Tools so einsetzen, so dass sie für sich sagen kann „Mein Sexleben ist für mich wirklich richtig gut!“.

Ein Kommentar zu „La petite mort

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