Die Zahl

Unlängst habe ich in einem Zeitungsartikel gelesen, dass Männer und Frauen auf die Frage nach der Anzahl ihrer Sexualpartner unterschiedlich antworten: während Männer eher schätzen, scheinen Frauen tatsächlich zu zählen und eine konkrete Zahl zu nennen. Unterschiedliche Umfragen kommen zu dem Ergebnis, dass Männer immer die doppelte Zahl im Vergleich zu Frauen angeben. Im Durchschnitt haben Männer anscheinend zehn Sexualpartner und Frauen fünf. Die Frage ist, ob beide Zahlen stimmen können – welche Antwort Männer und Frauen geben, hat mit dem Selbstwert zu tun. Männer scheinen ein bisschen aufzurunden, Frauen hingegen runden eher ab. Warum? Weil es sich noch immer nicht schickt für eine Frau, gleich viel Erfahrung gesammelt zu haben wie ein Mann. Geschweige denn mehr.

So ist es auch mir gegangen. Nicht dass meine Zahl sonderlich hoch ist, ich habe mich nie besonders angestrengt oder danach gestrebt eine Zahl zu erreichen, es ist einfach in meinem Leben so passiert. Das ist mein Leben und deshalb kann ich auch darüber sprechen: meine Zahl ist 35. Punkt. Ich bin nicht auf jeden einzelnen stolz, drei hätte ich mir fix sparen können (im Nachhinein betrachtet) aber hey – sie haben mich zu der Person gemacht, die ich heute bin.

Tatsächlich habe ich ungebrochen die Erfahrung gemacht, dass ich – wenn ein angehender Freund, Liebhaber oder Ähnliches mir die Frage gestellt hat – ehrlich geantwortet habe und egal wie hoch die Zahl zu der Zeit war – sie war meinem Gegenüber zu hoch. Aus Prinzip. Ich habe oft gehört „Na du bist aber auch gut herumgekommen“. Ja, neidig?

Das ist etwas, was ich nicht verstehe, weil wenn man mir diese Frage stellt, jedoch mit einer gewissen Erwartungshaltung dahinter – möchte der Typ dann, dass ich eine Zahl unter zehn nenne und damit lüge?

Zusammengefasst muss ich sagen, dass ich auf diese Frage im Sinne des Mannes nie adäquat antworten konnte. Einmal hatte ich sogar eine richtige Krise mit meinem damaligen relativ frischen Freund, der mich darauf hin zu einem kompletten Gesundheitscheck geschickt hat, nicht nur HIV, sondern alle Geschlechtskrankheiten, auf die man sich so testen lassen kann. Dann habe ich gesagt: „Ja, fair enough – dann gehst du auch und dann ist alles gut“.

Der Typ hat sich tatsächlich geweigert einen Test zu machen – schließlich sei er ja gesund – ich sei ja das Gesundheitsrisiko bei der Anzahl an Männern im Bett.
Ich bin trotzig zu dem Test gegangen, er hat mich natürlich in der Zeit nicht angegriffen, bis das Testergebnis kam, das nur bestätigte, dass ich rundherum gesund bin. Ich bin ein Kind der 80er und halte dementsprechend viel von Safersex. Also keine Überraschung für mich.

Aber der Clou kommt jetzt: Monate später ließ er in einem Gespräch quasi nebenbei fallen, dass seine Exfrau in der Zeit vor ihm als Prostituierte gearbeitet hat. „Hab ich dir noch gar nicht erzählt?“
Ähm nein! In dem Moment ist mir mein Herz in die Hose gerutscht, weil ich erkannt habe, dass seine Doppelmoral und Verurteilung meiner Person etwas mit der Geschichte seiner Ex-Frau zu tun hat. Dass er mir wegen meiner (damals) 30 Geschlechtspartner so ein Theater gemacht hatte, er aber in unser Bett durch seine Ex-Frau eine mindestens dreistellige Zahl an Geschlechtspartnern mitgebracht und ohne ein Wort zu sagen meine Gesundheit aufs Spiel gesetzt hat – das machte mich total wütend. Ich habe mich nach dieser Info erneut komplett durchchecken lassen, er hatte mich wissentlich in Gefahr gebracht. Ich hatte in diesem Fall absolut Glück – nichts ist geschehen, ich war weiterhin gesund. Was soll ich sagen, diese Beziehung hielt nicht mehr lange.

Langer Rede, kurzer Sinn: Ich finde, solange jeder die Verantwortung für seine eigene Gesundheit und die seiner Geschlechtspartner übernimmt, kann jeder Vögeln so viel er will und mit wievielen Menschen er will. Ich beurteile Menschen nicht nach dieser Zahl, ob man mit drei Menschen geschlafen hat oder mit 121 – der Erfahrungsschatz kann ähnlich sein. Das Können und die Leidenschaft beim Sex resultiert nicht aus der Zahl der Sexualpartner.

2 Kommentare zu „Die Zahl

  1. Die Zahl. Hmm. Um ehrlich zu sein, ich zähle für mich nur die guten Erfahrungen. Mit manchen ist es einfach auch nur deshalb passiert, weil ich neugierig war: Wie verhält sie sich unter sexueller Anspannung, wie klingt sie, wie sieht sie aus. Bei manchen war es nur das Abenteuer des Ausziehen. Aber das geht ja nicht – das würde sich Rumsprechen, wenn dann nicht…

    …also kurz gesagt: Ich gewichte eher die Anzahl der Erfahrungen, als die Anzahl der Partner. Aber ja, für das Ego ist die Zahl ein klein wenig…bedeutend. Bei Frauen – also wenn sie sich entscheiden durch die Firma zu schlafen zu ihren Bedingungen: Go for it. Ich mag da keinen anderen Maßstäbe anlegen, als bei Männern. Wenn Frauen stolz darauf sind, enthaltsam zu sein, ist das auch ok. Wenn Männer bis 27 warten und dann die Liebe ihres Leben finden und nie mit einer anderen Frau schlafen: Cooler Typ. Weiß was er will. Hat alles was er braucht.

    Trotzdem: Eine gute Zahl zu haben ist mir wichtig. Im Kopf. Nicht wie beim Quartett den höchsten Trumpf bei der guys night out zu haben..

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