Spätzünder!?

Ich war ungefähr 25 Jahre alt, als ich im erweiterten Freundeskreis von einem 27 Jahre alten Mann um ein Date gefragt wurde. Er war ein großer, hübscher Typ und so ging ich – nach kurzer Rücksprache mit meiner Freundin, die sehr positiv über ihn sprach – mit ihm aus. Als wir so beim Essen saßen und plauderten, stellte sich heraus, dass der Kerl wirklich schlau, lustig und tiefgründig war. Die Vibes waren gut und nach ein paar Stunden war es relativ klar, dass wir die Nacht zusammen verbringen würden. Die ganze U-Bahn Fahrt zu ihm nach Hause haben wir geschmust und zu Hause angekommen, ging es dann zur Sache. Es war leidenschaftlich und für eine erste Nacht ziemlich gut. Nachdem wir miteinander geschlafen und über Gott und die Welt gesprochen hatten, sagte er, dass er mit mir soeben sein erstes Mal gehabt hatte.

Ich fiel aus allen Wolken! Ich hätte mir nicht gedacht, dass er noch nie mit einer Frau geschlafen hatte. Er war kein Nerd oder sozial abgeschottet, er kam viel mit Menschen zusammen. Ich fragte ihn, wie das passiert sei. „Es ist eben einfach nicht passiert. Es hat sich nicht ergeben bis dato.“
Ich war ein bisschen irritiert und gleichzeitig auch froh, dass er es mir erst danach gesagt hatte. Hätte ich es gewusst, dass DAS sein persönliches erstes Mal ist, wäre ich vielleicht nicht so locker in die Situation gegangen. Mit dem Wissen, dass man gerade jemanden entjungfert, hat man bewusst nicht so unbeschwert Sex, denn jemand, der bis 27 mit dem Sex wartet, hat vielleicht auch irgendeine Erwartungshaltung oder eine Vorstellung, wie es ablaufen oder sich anfühlen sollte. Aber so war es cool für uns: er hat weder sich selbst noch mir Druck aufgebaut mit Erwartungen, ich wusste es einfach nicht und so sind wir in diese Erfahrung einfach hineingesprungen.

Fun fact: Ich hätte es nicht mal gemerkt, dass es sein erstes Mal war. Was vielleicht daran lag, dass ich mit ihm zusammen eher die Aktivere war und er hat sich einfach bestmöglich mitreißen lassen. Es geht vielmehr um die Kompatibilität, menschlich und auch sexuell, als um die gesammelten Erfahrungen und schon gar nicht um die Zahl.

Wir haben im Verlauf unserer Beziehung immer wieder darüber gesprochen, wie es für ihn war, seine Sexualität nicht zu praktizieren. Sie ist ja immer da. Und sobald er Sex hatte, genoss er es auch. Aber bis zu dem Zeitpunkt, wo es für ihn Thema wurde, hatten einfach andere Dinge Priorität in seinem Leben. Dieser Mensch hatte studiert, gearbeitet, einen großen Freundeskreis und eine große Familie gehabt. Dann hat er den Aspekt der Sexualität für sich in sein Leben dazu geholt, in dem Moment, wo es einfach richtig und stimmig war. Er hatte eine Ausstrahlung und er war weit davon entfernt, miesepetrig oder frustriert zu wirken. Ob man ihn einfach als Spätzünder bezeichnen kann? Ich denke, diese Schubladen lassen uns die wirklich spannenden Geschichten hinter einem Menschen verkennen.

Mir sind Menschen bekannt, die waren sexuell aktiv, seit sie 13 oder 14 Jahre alt waren. Einige davon haben darauf los gevögelt, einfach nur damit sie sexuell aktiv sind. Haben sie ihre ersten Erfahrungen voll bewusst und als voll entwickelte Menschen erlebt? Ich denke: nein.

Es ist ja auch so, dass jeder sexuelle Kontakt Spuren hinterlässt: nicht nur auf der körperlichen, sondern auch auf der seelischen Ebene. Schlussendlich geht es darum, sich mit einem anderen Menschen auszutauschen, auf einer Ebene zu treffen, auf der Körperlichkeit, Sinnlichkeit und Lust dominieren. Aber auch die Würde, die Gesamtheit und Integrität des Gegenübers darf hier nicht ins Hintertreffen gelangen.

Das ist mein Wort zum Samstag. Aber jetzt kommt ihr Spiel:

Was ist für euch ein Spätzünder? Habt ihr eurer Meinung nach zu früh oder zu spät eurer erstes Mal erlebt? Schreibt mit liebend gerne Kommentare!

Habts fein und alles Liebe ❤

5 Kommentare zu „Spätzünder!?

  1. Liebe Pinkshot,
    schöne Geschichte! Ja, es stimmt – wissentlich jemanden zu entjungfern, baut Druck auf, been there, done that. Ich für meinen Teil würde mir im Nachhinein wünschen, dass ich wesentlich später oder zumindest mit wesentlich weniger hausgemachtem Erwartungs- und Leistungsdruck angefangen hätte, sexuell aktiv zu sein. Ich war 18 und schon Jahre lang mega verzweifelt, weil einfach niemand etwas mit mir zu tun haben, geschweige denn mit mir ins Bett gehen wollte. Als ich dann irgendwann ein „armes Opfer“ gefunden hatte, waren meine Erwartungen so hoch und verquast und seine Ideen so strange, dass es nur schräg werden konnte. Da es sich dann leider noch sehr lange mit verschiedenen Menschen so fortsetzte, habe ich mich immer weiter in ein total verkrampftes, überkritisches und selbstzerfleischendes Hirngespinst hineingesteigert, wie Sex aussehen sollte und was an mir selbst dafür alles falsch war, dass ich selbst heute, mit fast 38, noch daran zu knabbern habe.
    Das bedeutet eigentlich nicht, dass ich zu früh angefangen hätte, denn falsche Erwartungen kann mensch wohl in jedem Alter haben. Aber etwas mehr Reife hätte mir für den Start ganz sicher gut getan, um die 20 Jahre seitdem besser auskosten zu können.
    liebe Grüße
    Lea

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    1. Liebe Lea, ich danke Dir für Deinen wunderbar ehrlichen und vorallem persönlichen Einblick. Daran sehen wir, dass das, was wir über uns selbst denken, unser Handeln und Erleben massiv prägt. Ich hätte Dir gewünscht (wie so vielen anderen Menschen und ich schließe mich selbst da nicht aus) die ersten Erfahrungen in einer von Respekt und Wertschätzung geprägten Umgebung zu machen, daraus ein sexuelles Selbstwertgefühl aufzubauen, die 20er zu nutzen, um sich selbst und seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse kennenzulernen. Die 30er sind meiner Meinung nach dazu da, diese umzusetzen. Aber wie das Leben so spielt – es kommt oft anders. Dieses Knabbern an der Diskrepanz zwischen „Wie hat Sex auszusehen, wie hat eine bumsbare Frau auszusehen“ und „Wie erlebe ich Sex, was ist für mich wertvoll“ kenne ich sehr gut. Darüber zu Reflektieren ist eine immense Fähigkeit. Die Auseinandersetzung mit dem Thema – ob alleine im Kämmerlein, zusammen mit anderen wie zB hier online – ist sehr wertvoll und zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Auf dem Weg zu uns selbst, mit allem was uns ausmacht, das sind u.a. auch die „schlechten“ Erfahrungen, die unsere Selbstliebe untergraben haben. Es gibt keinen schöneren und wichtigeren Tag im Leben einer Frau, an dem sie aufwacht und sagt „Geil, das ist mein Leben, mein Körper, mein Sex – so wie es für mich gut und richtig ist“. Den Tag sollten wir feiern.
      Danke fürs Lesen und Kommentieren, das bedeutet mir wirklich viel! Alles Liebe ❤ Pinkshot

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  2. Hallo Frau Pinkshot,

    Ich denke, es gibt weder Spät- noch Frühzünder. Solange es von einem selbst ausgeht, wann der Zeitpunkt ist, ist es immer der richtige Zeitpunkt. Von daher denke ich auch, dass mein Zeitpunkt der richtige Zeitpunkt war.

    Wenn man mit 27 sein erstes Mal erlebt und es dabei unkompliziert und erfüllend ist – besser als mit 17 mit einer Notlösung loslegen, nur weil alle es machen.

    Gefällt 2 Personen

  3. Besser spät und gut als früh und schlecht, ist meine Devise😁Ich war meiner Meinung nach früher dran als ich eigentlich wollte, ich hatte das Gefühl dazu verpflichtet zu sein. Ich denke nur sehr ungern daran und vermeide es bis heute, dem Mann (damals Teenie) wieder zu begegnen.

    Gefällt 1 Person

  4. Es ist wirklich eine ziemliche Glücksache, ob, und wenn ja, frau/man(n) das erste Mal als „gelungen“ erlebt. Vielleicht gilt auch hier das schöne Sprichwort: „Übung macht den Meister.“

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