Overworked and underfucked

Ich habe nie gedacht, dass ich jemals zu den Menschen gehören könnte, denen aufgrund von Stress Essen nicht mehr schmeckt und die auf Sex vergessen, kurz: wo untergeht, dass man eigentlich ein Genussmensch ist.

Die letzten Wochen waren beruflich und privat sehr kräfteraubend und turbulent, es ist nichts Schlimmes passiert, aber es war immer viel zu tun. Ich hatte jeden einzelnen Tag das Gefühl, dass ich mit meinen ToDos von meiner ewig langen Liste nicht fertig geworden bin, ob im Büro oder dann zu Hause. Dann ist mir irgendwann aufgefallen, dass wohl schon fünf oder sechs Tage vergangen sind, ohne dass ich je einen einzigen Gedanken an Sex verschwendet hätte. Waaas? Und das mir!

Noch vor ein paar Jahren wäre mir das total fremd gewesen, nicht nachvollziehbar, hätte mir eine Freundin erzählt, dass sie die ganze Woche einfach so beschäftigt war, dass sie vergisst, dass sie ein sexuelles Wesen ist. Ich hätte auch einfach immer entgegnet, dass sie wohl etwas an der aktuellen Situation ändern und den Normalzustand wiederherstellen solle. So kann doch keiner leben! Reicht das für eine Bürgerinitiative?

Aber jetzt bin ich einer von diesen Menschen. Gestresst und überlastet vom Alltag und zwar jeden einzelnen Tag. Wenn dann endlich Wochenende ist und sich so etwas ähnliches wie Entspannung einstellt, bemerke ich erst „Oh, ich habe diese Woche tatsächlich nur zweimal frisch gekocht und wann hatte ich eigentlich meinen letzten Orgasmus? Ich kann mich gar nicht erinnern…“ Eindeutig zu lange her, wenn man sich nicht mehr erinnern kann…

Als ich das mit Schrecken festgestellt habe, dass seit der letzten sexuellen Situation wohl schon fünf oder sechs Tage vergangen waren, wollte ich das sofort ändern. Aber auch hier musste ich feststellen, dass – wenn nun endlich Zeit dafür ist, sich fallen zu lassen – es dann gar nicht so einfach ist, den Kopf auszuschalten und körperlich zu sein. Der Kopf spielt einfach noch immer eine sehr große Rolle und das ist vielleicht auch ein Problem unserer Zeit, in der wir immer erreichbar und online sind. Dann klappt das mit dem „sich fallen lassen“ auch nicht sofort. Ihr könnt euch vorstellen, dass der Weg zum Höhepunkt auch eher ein Steiniger und Längerer war. Aber hey, ich bin niemand, der die Flinte schnell ins Korn wirft. Manchmal muss man die Dinge einfach durchziehen und das meine ich genauso wie ich es schreibe, einfach weils ums Prinzip geht.

Beim Sex verhält es sich – zumindest bei mir – so, wenn ich dann mal dran bin, legt sich ein Schalter um und die Maschine läuft – endlich wieder. Dann bin ich auch wieder ICH – nämlich ein Mensch, der gerne Zweisamkeit teilt, Intimität und Sinnlichkeit lebt. Aber es war ein bisschen so wie wenn ich nach einem sehr langen Winter wieder aufs Fahrrad steige. Die ersten paar Minuten fühlen sich ein bisschen komisch an, aber: auch Fahrradfahren verlernt man nie.

Es ist aus heutiger Sicht für mich absolut klar, dass es leichter gesagt als getan ist, einfach die Umstände zu ändern. Ich war immer der Meinung, dass es einfach gar nicht geht, dass der Job oder andere Verpflichtungen so Platz einnehmend sind, dass man vergisst, dass man auch ein sexuelles Wesen ist. Ich bin Arbeitnehmerin, ich bin Mutter, ich bin Partnerin, ich bin Freundin, ich bin Tochter.

Aber ich bin auch und vor allem eine Frau.

Jede Rolle hat ihre Berechtigung und ihren Platz, die spannende Frage ist nur, wie man diese unterschiedlichen Rollen im Alltag unter einen Hut bekommt. Vielleicht ist es an der Zeit, eine neue Perspektive einzunehmen, einen anderen Blick darauf zu gewinnen.

Jetzt beginnt der Frühling, der lange Winter ist vorbei und wir fühlen uns wohl in der warmen Sonne. Wir verbringen endlich wieder mehr Zeit an der frischen Luft und in der Natur, die uns so guttut. Dadurch können wir uns selbst wieder näherkommen und auch unseren Bedürfnissen. In diesem Sinne wünsche ich euch ein schönes, sonniges Wochenende mit genauso viel Zeit für euch wie ihr sie braucht. Einen Kopf, der frei genug ist. Arme, die offen sind für Menschen, die ihr liebt. Und Momente, die der Sinnlichkeit und Körperlichkeit gewidmet sind.

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