Handle with care

Ich befinde mich gerade in einer Situation, in der sich mein Partner von einem Eingriff erholt. In der ersten Woche kam Sex gar nicht infrage, weil er wirklich Schmerzen hatte und ich deshalb für mich auch gar keine Lust etablieren konnte. Allein der Gedanke, dass er Schmerzen haben könnte, egal was wir machen, hat bei mir einfach auch alles an Lust gekillt.

Ich kann nicht geil sein, wenn du Schmerzen hast

Wir wussten einfach, dass wir es beide nicht genießen können wie gewohnt. Ich kann da nicht einfach mein Ding durchziehen: in einem Duo braucht man eben beide Spieler. Ich war insgesamt gehemmt, was das zärtliche Miteinander anging. Selbst einfach miteinander im Bett zu liegen wurde zur Herausforderung, weil ich vermeiden wollte, durch eine kleine blöde Bewegung ihm weh zu tun. Ich war bedacht darauf, zuviele Berührungen zu vermeiden. Das fühlte sich für uns beide komisch an, unbekannt.

Nach einenhalb Wochen wollten wir es beide wieder. Es war aber ein bisschen wie der Tanz auf rohen Eiern. Wir wollten es beide so sehr, aber konnten nicht so wie gewohnt. Ich achtete viel mehr auf sein Gesicht, seine Reaktion auf mein Tun. Ist das so in Ordnung? Tut dir das eh nicht weh?

Da habe ich mich fragt, ob es Männern so geht, die gerade mit ihrer Partnerin ein Kind bekommen haben. In Ratgebern liest man ja häufig, dass Männer in der Zeit nach der Geburt sehr einfühlsam und zärtlich sein sollen, vielleicht am Anfang (solange etwaige Geburtswunden noch heilen, äußerlich und innerlich) von der reinen Penetration absehen und das gesamte Liebesspiel aufwerten sollen: sinnliche Massagen, Küssen und einfach schauen, was geht und was für jeden passt. Und wenn was nicht passt, dann kommuniziert man das, ändert etwas oder man lässt es für den Moment gut sein.

Ich habe das immer nur aus Filmen gekannt, in denen Männer als bemitleidenswert dargestellt werden, weil er ja keinen Sex haben kann mit seiner Frau, weil sie gerade ein Kind geboren hat. Ich glaube, dass es manchmal sogar wichtig sein kann – so eine Zäsur in der Sexualität eines Paares.

Dass man auch einfach mal schaut, hey was gibt’s denn noch außer dem, was wir bis jetzt einfach immer gemacht haben, weil es so gut ging. Natürlich ist man irritiert, wenn etwas, das immer einfach und routiniert, mit ganz bestimmten Handgriffen funktioniert hat, dann plötzlich anders ist. Und man fragt sich: Wird es nie wieder so, wie es war? Wie lange dauert dieser Zustand und wie finden wir uns da jetzt zurecht? Beide wünschen sich zusammen ein erfülltes Sexleben – wie kann das aussehen, ohne dass jemand über seinen Schatten oder seine Schmerzgrenze springen muss?

Für mich ist es im Moment noch eher schwierig, mich fallen zu lassen und Lust zu genießen, wenn die Möglichkeit besteht, dass mein Partner Schmerzen währenddessen empfindet. Ich denke, er wiederum empfindet es auch als schwierig, das Gefühl (Lust, Begierde) im Außen auszudrücken, so wie er es immer getan hat. Die Rollen in der Paarsexualität werden infrage gestellt. Das passiert eben auch wenn eine Frau zur Mutter geworden ist: sie hat ein Kind ausgetragen, die Strapazen einer Geburt überstanden und dieser ganze Prozess stellt ihre Weiblichkeit auf den Kopf, ihr Gefühl ihrem eigenen Körper gegenüber. Das sind Paradigmenwechsel im Leben, diesen kann man sich als Paar nähern, behutsam und wertschätzend (ohne Vorwürfe) miteinander kommunizieren. Den Status anerkennen, so wie es jetzt gerade ist: es ist okay. Zusammen überlegen, kreativ sein: man findet neue und (wer weiß) vielleicht gerade ganz großartige Wege, einander körperlich zu begegnen. Es als Chance sehen, um sich selbst und seinem Partner auf andere Weise näherkommen als bisher.

Ein Kommentar zu „Handle with care

  1. Die „Zäsur in der Sexualität“, um sich neu zu entdecken usw., – das hast Du schön on Worte gefaßt. Wenn man sich liebt, kann das Körperliche auch mal eine Weile außen vor bleiben.

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