Wir sind sowas von offen!

In einem von mir sehr geschätzten Podcast der ZEIT ONLINE wurden unterschiedliche Möglichkeiten thematisiert, eine Beziehung zu öffnen.

Dabei fielen Begriffe wie Swingen, einen Dreier haben, Polyamorie, Wifesharing oder Cuckolding. Das hat mich in gewisser Weise irritiert, weil ich einen Begriff kennengelernt habe und der für mich nichts mit einer „offenen Beziehung“ zu tun hat. Ich nähere mich dem Phänomen Cuckolding.

Es ist einige Jahre her und aus meiner heutigen Lebenserfahrung würde ich der Situation anders entgegentreten. Wie auch immer, ich befand mich damals in einer Beziehung die ungefähr schon eineinhalb Jahre ging. Dieser Mann offenbarte mir, er hätte Interesse daran zuzusehen, wie ich Sex mit einem anderen Mann hätte. Ich war jung und in den Glauben versetzt worden, dass wir eine normale, romantische Pärchen-Beziehung führen würden. Aber ich wurde eines Besseren belehrt.

Wir hatten einige Diskussionen, die sich über Wochen zogen. Ich äußerte zunächst meine Irritation und mein Nicht-Verständnis dafür. Ich fühlte mich in gewisser Weise auch gekränkt: Warum wollte er, dass ich mit einem anderen Mann schlafe? Warum wollte er dabei zusehen? Stimmt etwas mit unserem bisherigen Sexleben nicht?

Er erklärte mir, dass es ein nicht selten vorkommendes Phänomen ist. Das Wort Fetisch fiel nicht. Nach meiner Einschätzung heute würde ich aber sagen, dass es genau das ist. Es ist eine sexuelle Vorliebe, die etwas intensiver ist als die Vorliebe für – sagen wir mal – rote halterlose Strümpfe.

Dieser Mann stellte mir also die Frage, ob ich mir das nicht vorstellen könnte. Aus Liebe zu ihm, quasi ihm zuliebe. Ich solle es auszuprobieren, mich seiner Führung hinzugeben, er würde für meine Sicherheit sorgen. Damit war natürlich eine emotionale Erpressung gegeben. Es ging allein um sein Bedürfnis, das befriedigt werden sollte und ich war faktisch nur eine Requisite. Das bestätigte er mir in seinem Nachsatz, dass seine letzte Freundin es ganz bestimmt getan hätte und „wenn du es nicht tust, meine nächste Freundin würde es bestimmt für mich tun“.

Habe ich schon erwähnt, dass ich jung und unerfahren und sehr unsicher war? Wie auch immer, ich ergab mich seinem wochenlangen Gerede und nahm von irgendwo eine Menge Mut her. Ich gab ihm das Go-Zeichen und er organisierte einen Mann, der vorallem seinem strengen Blick gerecht wurde. Er hatte ja ein Bild im Kopf, das er in die Realität umgesetzt haben wollte.

Für den Tag, an dem das Treffen stattfinden sollte, wurde ein Regelwerk für mich verfasst: ich musste mich auf eine ganz gewisse Weise herrichten und stylen, anziehen (um mich dann auszuziehen) und auch Verhaltensregeln bekam ich. Ich dürfe den Mann, der gleich unsere Wohnung betreten würde, nicht direkt ansehen oder anreden. Ich dürfe ihn nicht auf den Mund küssen und Geschlechtsverkehr würde es nur mit Kondom geben.

Horrend aufgeregt war ich, je näher die Stunde des Treffens rückte. Aber ich beschloss, so etwas wie eine Rolle zu spielen und erfand eine Frau, einen Namen und agierte quasi in dieser Rolle. Meine erste Erfahrung stellte sich für mich als sehr positiv heraus, weil mir der Mann im echten Leben und auf freier Wildbahn wirklich gefallen hätte, weil er fesch und gebildet war. Mein Freund war nicht so happy mit meiner Performance, da ich aus der für mich vordefinierten Rolle ausgebrochen war. Ich war aktiv, teilweise sogar dominant. Dabei spielte ich die Rolle, die ich für mich geschrieben hatte, weil ich sonst gar nicht mitmachen hätte können. Ich habe das Beste für mich aus dieser Situation gemacht, alles andere hätte sich nach nicht-konsensualem Akt angefühlt.

Mit diesem Verständnis würde ich der Aussage des Podcasts widersprechen wollen, dass Cuckolding eine Art der offenen Beziehung ist. Ich würde Cuckolding als eine Art das BDSM sehen und mit dieser Ansicht bin ich nicht alleine. Für mich geht es massiv um Dominanz und Macht.

Was soll es auch anderes sein, wenn ich meinen Partner dazu bringe, Sex nach einer Art Skript zu haben, so wie es die eigene Fantasie vorgibt? Für mich hat das überhaupt nichts mit dem Konzept einer offenen Beziehung zu tun, wo sich beide dazu entscheiden, die Sexualität öffnen. Entweder nur für einen Partner oder beide. Auf Alleingang oder zusammen.

So wie ich es erlebt habe, muss ich zugeben, dass ich in diesem Konzept versagt habe, weil ich für mich sogar Anteile gefunden habe, die mir Spaß gemacht haben, obwohl es in meiner Vorstellungswelt keinen Platz hatte. Für mich war damals eine Beziehung monogam, da wäre eigentlich kein Platz für einen anderen Penis gewesen und ich wäre auch sicher nie darauf gekommen zu sagen „Kommen, wir laden uns mal einen Mann ein und ich schlafe mit dem und du schaust zu!“.

Deshalb war es für meinen damaligen Freund so schwierig zu ertragen, dass ich mich in der Situation quasi verwandelt habe. Ich habe sein Kopfkino zunichtegemacht. Er wollte die Kontrolle über die Situation haben. Für mich und diesen Mann damals hat das Modell überhaupt nicht funktioniert. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich der Typ bin, der sich längerfristig in eine submissive Rolle begibt. Das darf jede/r für sich entscheiden und dieser Status kann sich im Leben auch immer wieder mal ändern. Solange alle Beteiligten freiwillig agieren und glücklich sind, bin ich mit allem einverstanden.

Peace, eure Hippie-Pinkshot ❤

Ein Kommentar zu „Wir sind sowas von offen!

  1. Danke für den amüsanten Post 🙂Es ist irgendwie erfrischend zu wissen, dass nicht immer nur ich an so schräge Typen gerate 🙂Und nein , ich spiele nicht mit. Für solche Fälle habe ich ein charmantes, scheinbar verständnissinniges und etwas rätselhaftes Lächeln parat, so nach dem Motto: Ach Babe, wenn du wüsstest, was wir damals alles im Irakkrieg. Irgendwann zündet „Er“ sich dann eine Kippe an und fängt an von Blockchains oder Bremsscheiben zu reden🙂

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