Wessen Körper? Dessen Entscheidung.

Abtreibungsgesetze sind in jedem Land auf der Welt unterschiedlich geregelt. Bisher Errungenes wird nicht nur in Frage gestellt, sondern auch versucht, mit neu geschaffenen Gesetzen auszuhebeln. Dass in Alabama ab 2020 Ärztinnen und Ärzte mit bis zu 99 Jahren Gefängnis bestraft werden, wenn sie den Eingriff durchführen, lässt mich erschaudern. Von der Strafhöhe für abtreibende Frauen habe ich noch nicht mal gelesen. Ob ungewollt schwanger, eine Behinderung des Kindes, durch Vergewaltigung oder Inzest – keine Lebenssituation rechtfertigt demnach einen Schwangerschaftsabbruch.

Was für prekäre Umstände werden hier geschaffen? Sollen Frauen wieder den illegalen Weg gehen, unter vorgehaltener Hand nach einer Engelmacherin oder abstrusen Mediziner in der nächsten Stadt fragen und damit ihr Leben riskieren? Werden in Hinterhöfen oder Garagen, unter widrigen Hygiene-Zuständen und mit dafür nicht vorgesehenen Werkzeugen, Föten eliminiert? Sollen Frauen sich einfach schon mal schuldig fühlen, wenn sie ungeplant oder ungewollt schwanger wurden?

Ich persönlich war bis dato noch nie (und dafür bin ich dankbar) in der Situation, dass ich darüber entscheiden musste, eine Schwangerschaft zu beenden. Ich möchte mir auch nicht vorstellen, wie schlimm die seelische Belastung sein muss, wenn eine Frau diesen Eingriff über sich hat ergehen lassen. Viele Frauen verfolgt es ein Leben lang, vorallem wenn sie die Entscheidung für einen Abbruch in Zeiten höchster Not und Einsamkeit treffen mussten, kein Verständnis oder soziales Auffangnetz hatten.

Wofür aber ein moderner Rechtsstaat zuständig ist, sind die Umstände, unter denen so etwas passiert. In einem modernen Land muss es möglich sein, dass eine Frau sich qualitativ hochwertig informieren und beraten lassen kann. Sollte sie sich für einen Abbruch entscheiden, muss dieser medizinische Eingriff in einer Klinik oder Arztpraxis unter einwandfreien Zuständen geschehen. Danach sollte die psycho-soziale Begleitung nicht abrupt enden, meiner Meinung nach. Sie sollte auch nicht gesellschaftlich stigmatisiert oder gar traumatisiert aus der Sache herausgehen.

Ich bin absolut davon überzeugt, dass keine Frau eine Abtreibung auf die leichte Schulter nimmt. In diesem Moment ist sie ein besonders schützenswertes Mitglied unserer Gesellschaft. Dazu muss ein Staat und eine Gesellschaft in der Lage sein.

Um diesen Zustand herzustellen, ist der Kampf um Gleichstellung von Mann und Frau unerlässlich – und wie es scheint, noch lange nicht zu Ende. Erst wenn Frauen und Männer im Alltag und in Liebesbeziehungen auf Augenhöhe sind und wenn das Motto bei Aufgabenteilung, Rechte und Pflichten wirklich halbe-halbe lautet, wird Abtreibung nicht mehr diskutiert werden müssen. Begriffe wie „toxische Maskulinität“ müssen weiter öffentlich diskutiert werden, #metoo war nur die Spitze des Eisbergs oder der Beginn einer Diskurs-Kultur. Wir müssen darüber reden, wieviele Frauen von (mächtigen oder weniger mächtigen) Männern dazu gebracht wurden, mit ihnen Sex zu haben und wenn daraus eine Schwangerschaft resultierte, müsse die Frau sich eben darum kümmern, das „Problem“ zu beseitigen. Das ist nur ein Aspekt der großen Debatte, dessen bin ich mir bewusst, aber ein absolut wichtiger. Mich würde interessieren, wie ihr das seht – nutzt dazu gerne die Kommentare!

An dieser Stelle möchte ich einen Filmtipp aussprechen, es handelt sich um „Haus der stummen Schreie“, ein exquisit besetzter Film. Ich habe ihn gesehen (alleine, als Teenager) und war dermaßen beeindruckt und emotional geschüttelt von der absolut nachfühlbaren Darstellung von drei Frauen in drei unterschiedlichen Dekaden des 20. Jahrhunderts und alle standen sie vor der Frage: schwanger bleiben, das Baby bekommen oder einen Abbruch wagen.

2 Kommentare zu „Wessen Körper? Dessen Entscheidung.

  1. Danke, sehr wahr! Dass es derzeit wieder so einen Rollback rund um das Thema Schwangerschaftsabbruch gibt und vor allem in den USA eine derartige Kriminalisierung und Verschärfung der Repressionen bzw. Verknappung der überhaupt verfügbaren Ärzt*innen und Kliniken stattfindet, ist menschenunwürdig und zeigt, wie wenig Frauen mancherorts offenbar noch immer als Menschen betrachtet werden.
    Dass jede Frau nach einem Schwangerschaftsabbruch traumatisiert und psychisch beeinträchtigt wäre, ist übrigens auch nur ein Klischee, mit dem beispielsweise auch der Deutsche Gesundheitsminister schon in einen riesen fettnapf getappt ist und horrende Geldsummen für eine entsprechende Studie aus dem Fenster werfen will. Das Traumatisierende sind die Umstände, unter denen der Grund für eine Abtreibung entsteht, nicht die Abtreibung selbst. Ich habe eine Schwangerschaft abgebrochen, die eigentlich nur aus persönlichem Leichtsinn entstanden war – mich hat daran genau nichts traumatisiert sondern es war eine riesige Erleichterung, dieses Alien nicht mehr in meinem Körper zu wissen. Auch heute, drei Jahre später, bin ich noch immer froh über meine entscheidung und vor allem über die Möglichkeit, so schnell und einfach Zugang zu einer medizinisch korrekten, nicht gefährdenden und im Rahmen der Möglichkeiten legalen Abtreibung gehabt zu haben.
    nachdenkliche Grüße
    Lea

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    1. Danke für deinen persönlichen Einblick, das ist unglaublich wichtig. Du sagst was sehr logisches: die Umstände, unter denen der Eingriff stattfindet, traumatisiert. Daher ist es umso wichtiger dass der Zugang zu Beratung und medizinischer Betreuung flach ist.

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