Liebe macht blind

Ich bin in den letzten beiden Wochen in das Thema „True Crimes“ reingekippt. Nicht zum ersten Mal in meinem Leben. Dann google ich nach mysteriösen Todesfällen, lese alte Zeitungsartikel, höre mir stundenlang Podcasts (sehr zu empfehlen ist MORDLUST) an und ziehe mir Interviews mit Psychiatern rein, die darüber erzählen, was einen Serienmörder ausmacht. Das Interesse für das Kriminelle im Menschen ist bei mir ebenso groß wie das für das Libidinöse. Manchmal treffen aber auch beide Kräfte aufeinander und das endet oft verheerend.

Nachdem ich viele unglaubliche Kriminalfälle gelesen und erzählt bekommen habe, stelle ich fest, dass mich besonders die Fälle berühren, in denen die Opfer oder Hinterbliebenen einer extremen Täuschung unterlagen, die durch die schreckliche kriminelle Tat eine Ent-Täuschung ihres bisherigen Lebens erfuhren.

„Ich hätte nie gedacht, dass xy zu so etwas fähig ist.“
„Wir waren 20 Jahre verheiratet, ich dachte ich kenne xy.“

Wie kommt es, dass man denkt, eine Person, oft die, die einem am Nächsten steht, wirklich zu kennen? Klar, einerseits sind Täter (m/w) Meister der Täuschung. Beispielsweise im Fall eines Doppellebens erhalten unzählige Lügen jahre-/jahrzehntelang die Fassade aufrecht, schließlich soll niemand hinter das dunkle Geheimnis kommen.
Andererseits sind die Getäuschten auch Meister und zwar der Idealisierung, der Verzerrung der Wirklichkeit. Sich das Leben schön reden – das kennt jeder von uns. Das passiert gerade im Privaten. „Das war nur einmalig oder ein Versehen oder ich habe xy vermutlich provoziert“ hört man oft im Fall von häuslicher Gewalt. Schock, Trauer und vorallem Scham lassen die Opfer in die Richtung tendieren und hoffen, dass es so ist, wie sie sagen: dass es nie wieder passiert!
Psychologen erklären sich dieses Verhalten mit dem Stockholm-Syndrom. Darin identifiziert sich das Opfer mit dem Täter/Aggressor, was im Grunde ein Trick des Gehirns ist, um das Trauma seelisch zu überleben. Das Opfer versucht durch dieses psychische Konstrukt, die Taten und deren Hintergründe für sich erklär- und verstehbar zu machen. Dafür sorgen die Spiegelneuronen im Gehirn, die Empathie möglich machen.

Jeder von uns kennt den Zustand der Idealisierung. Oder warst du noch nie verliebt? ❤ ❤ ❤   😉
Die Idealisierung hat auch ihre Daseinsberechtigung, denn es geht darum, den (neuen) Partner kennenzulernen, dabei liegt der Fokus auf den positiven Eigenschaften. In der Zeit wird eine Bindung aufgebaut. Nach der Phase der Verliebtheit, wenn man die rosarote Brille abgesetzt hat, trennt sich die Spreu vom Weizen. Denn eine realistische, langfristige und gesunde Beziehung kann erst entstehen mit der Ent-Idealisierung und Ent-Täuschung und der damit verbundenen Akzeptanz für den Partner mit all seinen Facetten. Dann liebt man ihn, so wie er eben ist.

Ich habe ein Zitat gelesen, das ist sehr passend finde:

Die Idealisierung ist ein unbewusster Prozess und findet überall dort statt, wo es nicht so ist, wie ich es will, ich aber will, dass es so ist, wie ich es will.

Eine Person idealisiert, wenn sie keine Möglichkeit sieht, ihre Lebensrealität so zu gestalten, wie sie den Wünschen und Vorstellungen entspricht. Eine einfache Faustregel ist: Je größer die Idealisierung, um so größer die Enttäuschung und umso tiefer der Fall.

Viele True Crime-Berichte sprechen von einer Selbstaufgabe aus Liebe. Woher das kommt? Die Suche nach Liebe, Nähe, einer Antwort auf die Fragen des Lebens – alles findet im Außen statt und das ist immer eindeutig zu weit weg vom eigenen Selbst.

Sich aus Liebe aufzuopfern, Liebe gleichzusetzen mit Kummer und Schmerz, Unrecht „aus Liebe“ zu ertragen – das soll jedem Menschen erspart bleiben. Ein stabiler Selbstwert, ein selbstständiges, unabhängiges Leben mit Beruf, Freunden, Hobbies und der Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen – das hat noch jedem Menschen gut getan und vor einer ungesunden Abhängigkeit beschützt.

Seid lieb zu einander und vorallem zu euch selbst! Schönen Sonntag!

P.S. Wenn euch das Thema „Toxische Beziehung“ weiter interessiert, kann ich euch den von mir heißgeliebten Podcast von Ines Anioli und Leila Lowfire ans Herz legen. In der Folge vom 11. April 2019 spricht Ines sehr offen darüber und erst lange Zeit danach versteht sie selbst die Mechanismen.

3 Kommentare zu „Liebe macht blind

  1. Nicht nur Liebe – auch Begehren. Wut und Trauer. Im Prinzip jedes Gefühl, auf das man sich einlässt, färbt die Wahrnehmung. Confirmation Bias – wenn ich etwas sehen will, dann gestaltet sich die wahrgenommene Realität danach.

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