Corona-Sex

Die letzten 9 Wochen waren der Wahnsinn. Von einem Tag auf den anderen wurden die Gehsteige hochgeklappt, die Büros auf Homeoffice umgestellt. Spielplätze waren geschlossen, Schule und Betreuungsmöglichkeit fielen weg, der Kontakt zu Menschen außerhalb des Haushalts, vorallem Großeltern (vulnerable Gruppe) untersagt. Da saß ich nun, mit meinem 6jährigen Mitbewohner. Wir waren verunsichert und planlos, wie lange würde das alles hier gehen und müssen wir uns wirklich von unserem Leben, was wir bisher geführt hatten, verabschieden?

Die Realität holte mich schnell ein, via Handy und Laptop arbeiteten wir wie verrückt: interne Krisenkommunikation und Kunden-Newsletter zu COVID-19. Daneben das unbetreute Kind, das sehr intensiv den deutschen Fernsehsender NICK kennenlernte. Alle paar Stunden warf ich ihm was Essbares hin, zwischen zwei Videokonferenzen spielten wir UNO und so vergingen die ersten Wochen.

Nachdem ich mit meinem Freund, mit dem ich inzwischen 3 Jahre zusammen bin, nicht zusammenwohne (Einwurf: er lebt sehr kompliziert und das liegt nicht daran, dass er selbst zweifacher Vater ist), war es irgendwie eigenartig, wenn er mich trotz Ausgangsbeschränkung nach den ersten zwei Wochen besuchte. Aber dann kam die Erklärung der Regierung, dass Paare, die nicht zusammenwohnen, sich natürlich besuchen dürfen. Das fühlte sich dann gleich besser an. Mein Freund kam also zu mir nach Hause, ich hatte den Wocheneinkauf per Supermarktlieferung abgewickelt und wir kochten zusammen. Als es Zeit war, schlafen zu gehen, packte ich mein Kind unter Motzen und Maulen ins Bett. Endlich waren mein Freund und ich alleine. Es war aber komisch: wir konnten uns nicht, wie gewohnt verhalten, weil mein Kind mit großen Ohren im Bett lag und immer wieder aus dem Zimmer krächzte: „Mama, was redet ihr?“ Er hat immer die Panik, etwas zu verpassen und die Grenze zwischen „Kinder-Leben“ und „Erwachsenen-Leben“ ist sehr schwer für ihn zu verstehen.

Als es im Kinderzimmer ruhiger wurde und das herrliche Kinderschnarchen zu vernehmen war, kuschelten mein Freund und ich uns ins Bett. „Jetzt geht’s los, Schatzi!“ Wir hatten große Lust auf Nähe und wilden Sex, aber mach das mal, wenn im Zimmer nebenan der schnarchende Fortpflanz liegt. Dann hatten wir sehr ruhigen, aber guten, tief empfundenen Eltern-Sex.

Es liegt vielleicht daran, dass ich darin nicht so die Übung habe. Schon als Teenager, als ich begonnen habe, Sex zu haben – es hat nur sehr selten bei mir zu Hause, in meiner elterlichen Wohnung stattgefunden. Da bin in ich irgendwie gehemmter, ich bin lieber wo anders laut und mache die Bettlaken schmutzig. Wenn in meinen eigenen vier Wänden, dann ist im Idealfall kein anderes Familienmitglied dabei. Aber das gehört wohl zu den Dingen, die ich in den nächsten Jahren lernen darf, denn wenn ich jemals mit meinem Freund einen (oder zwei) Haushalt(e) teilen will, kann ich ja nicht aufhören Sex zu haben. Andere Menschen, die als Paar mit Kind und Kegel und Patchwork-Hokuspokus zusammenleben, erschaffen sich auch ihre Räume, wo nur sie als Paar existieren.

Wenn man (bildlich) endlich mal die Tür hinter all dem Chaos zumacht, geht es natürlich auch um Sex, aber nicht nur. Zwei Erwachsene sitzen einander gegenüber, schauen sich in die Augen und erzählen sich, was sie gerade so bewegt, was anliegt und gemeinsam bearbeitet werden will. Diese Balance ist auszumachen und zu finden. Ich bin zu 110% Mutter, aber eben auch noch eine Frau und manchmal auch ein Mädchen. Ich brauche neben dem Raum, in dem ich mit meinem Partner bin, auch einen Raum, in dem ich ICH bin: Fingernägel lackieren, True-Crime-Podcast hören, eine weiße Leinwand zu einem Bild gestalten. Ich will mit mir selbst genauso viel Quality-Time verbringen, wie mit meinem Partner – mein Kind kriegt ohne dies die meiste freie Zeit, denn das ist meine Aufgabe als Mama.

Wenn die letzten Wochen mir etwas gezeigt haben, dass – wenn ich weniger streng / perfektionistisch mit mir selbst bin – ich irgendwie wirklich alles alleine schaffe. Es ist weit weg von Harmonie und heiler Welt, aber meine Welt funktioniert. Die Menschen, die ich in meinem Leben habe, brauche ich nicht um des Brauchens Willen, umso besser: wenn sie Teil meines Lebens sind (was sie ja jetzt wieder sein dürfen), freue ich mich, dass sie da sind. Aber ich bin nicht abhängig. Und das ebnet den Weg für die Momente in der Zukunft, wo ich wirklich mal Unterstützung brauche: ich kann leichter um Hilfe bitten. Das möchte ich mir erhalten, das Gefühl grundsätzlich alles selbst gebacken zu bekommen, aber wenn’s mal nicht mehr geht, kann ich ohne schlechtes Gewissen im Vorfeld um Unterstützung bitten.

Und wenn der ganze Wahnsinn hier vorbei ist, plane ich mit meinem Freund einen schönen Abend nur für uns zwei, da feiern wir uns dann selbst, dass wir diese vorgezogenen Schulferien inklusive Homeoffice jeweils so gut gemeistert haben und dass die Umstände durch Corona gezeigt haben, dass wir auch in kritischen Zeiten der Fels in der Brandung des anderen sein wollen.

2 Gedanken zu “Corona-Sex

  1. Oh wie schön, endlich wieder von Dir zu lesen! Ich bin auch ganz fasziniert, wie uns die letzten 6 Wochen dazu gebracht haben, unsere Rollen neu zu gestalten (müssen) und betrachte dies als einen sehr positiven Effekt. Denn auch ich hab immer geglaubt, all meine Rollen stehen in Konkurrenz zueinander… zumindest in erheblichen Bereichen. Das ist nach jetziger Erkenntnis aber nur meine Denke und die hat mich noch dazu sehr gestresst. Sex ist das Natürlichste der Welt und wieso sollen unsere Kinder nicht mal mitbekommen, dass sie „geile“ Mütter haben. Wenn mein Kind mal mit ihrem ersten oder zweiten Sexualpartner in unserem Haus Sex hat, wäre es komisch, wenn ich nichts hören würde… dann würde ich mir bestimmt denken, dass es nicht so gut ist… Andererseits erkläre ich meinem Kind, dass wir wohl Sex haben und dann ist das bestimmt ganz gut, wenn es manchmal auch davon mitbekommt… also hört. Und ich möchte auf keinen Fall, dass mein Kind glaubt, wir hätten keinen Sex. Je ungezwungener und freier Eltern (und/oder neue Elternteile) damit umgehen und es den Kindern „vorleben“, umso offener können die Kinder damit umgehen…

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    1. 🙂 Ich finde den Gedanke so herrlich, dass wir in ein paar Jahren Zeuge sein werden, dass unsere Kinder Sex haben. Und du hast recht, wenn man davon nichts mitbekommt, wars noch nicht so gut!
      Ich versuche auch das Thema so leicht wie möglich zu besprechen, ich merke aber oft, wie sehr ich mich an meine Kindheit erinnert fühle und was das für ein Drama war, als ich aus dem Fernsehen von Sex erfuhr und als meine Mama mit 18 (!) bemerkt hat, dass ich verhüte, war sie tagelang schockiert, weil es ja impliziert, dass ich sexuell aktiv bin. Da steckt viel Scham drin, die gar nicht mir gehört. Für mich gehört Sex gefühlt wie Essen zum Leben und es sollte beide unproblematisch angegangen werden.

      Danke für deinen Kommentar, ich finde deine Denkweise immer sehr inspirierend!

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